Chancen der Adoleszenz

Ende Oktober veranstaltete der Förderverein der Albert-Einstein-Realschule einen Eltern- und Lehrkräftevortrag zum dritten Mal mit Dr. Beata Williams zum neuen Thema "Chancen der Adoleszenz - Junge Menschen verstehen" im Rahmen der Vortragsreihe "Faktoren gelingenden Lernens aus neuropsychologischer Sicht".

Dr. Beata Williams forschte und beriet u.a. sieben Jahre lang am Transferzentrum für Neurowissenschaften und Lernen in Ulm und arbeitet seither als Verhaltensforscherin an der Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie Klinik Ulm und am Zentrum für Psychiatrie Weissenau.

Adoleszenz wird von Williams nicht nur als Pubertät im Sinne der Geschlechtsreife, sondern vor allem im Sinne des Heranwachsens, des Erwachsenwerdens verstanden. Die Brisanz dieser Entwicklungsphase fasse folgender Sinnspruch zusammen: "Mit zwölf Jahren können wir unsere Kinder nicht mehr erziehen, sondern nur die Früchte der ersten zwölf Jahre sammeln. In der Adoleszenz können wir gute Sparringpartner unserer heranwachsenden Kinder werden und den Drang zur Erziehung nur noch loslassen, indem wir ein präsentes, authentisches Vorbild im Alltag sind, klar unsere Meinung sagen, jungen Menschen helfen, ihre Gefühle zu verstehen, Bedürfnisse zu formulieren und mit ihnen verhandeln oder eher „fair“-handeln."

Die 80 anwesenden Eltern und Lehrkräfte im Vortragsraum des Schulzentrums Ulm-Wiblingen stellten sich die Frage: Was passiert in dieser Phase mit den jungen Menschen?

Williams antwortete: Die Neurowissenschaft entdeckte im Gehirn viele Prozesse von neuronaler Umstrukturierung, mit einem enormen Wachstum einzelner Gehirnareale bis zum 25 Lebensjahr. Der Umbau des Gehirns in dieser Phase hänge unter anderem von der Entwicklung des emotionalen Zentrums ab, weshalb Gefühlsausbrüche von den jungen Menschen oft nicht kontrolliert werden könnten und an der Tagesordnung sind. Entwicklungspsychologisch stellt sich jeder Adoleszente, jede Adoleszente bewusst und unbewusst die Fragen: Was macht mich als Frau/Mann aus? Was ist meine soziale Identität (Was interessiert mich, was motiviert mich, was denke ich darüber, was fühle ich)? Wofür lohnt es sich zu kämpfen oder zu arbeiten? Dabei muss er und sie jede Menge Herausforderungen bewältigen, körperliche Veränderungen verstehen und akzeptieren, sexuelle Bedürfnisse in den Griff bekommen, eigene Unabhängigkeit und Autonomie begründen, wie auch Bindungen zu Familie und Gleichaltrigen aufrechterhalten.

 

Es lohne sich für Eltern und Lehrkräfte sehr, Jugendliche mit ihren körperlichen wie auch psychischen Bedingungen zu verstehen:

Zwischen dem 12 – 14 Lebensjahr entwickeln sich vor allem Arbeitsgedächtnisfunktionen, Kreativität und das Inhibitionsverhalten (Impulskontrolle). Das bedeute u.a., es könne Jugendlichen phasenweise schwerer fallen, ihren emotionalen Regungen nicht nachzugehen und nicht sofort zu reagieren. Wir alle kennen z.B. Affinität unserer Jugendlichen zu ihren Handys: Ein junger Mensch will mit seinem Freund noch eine Situation per Whatsup besprechen. Er könne ihn sofort kontaktieren, ohne sich mit ihm verabreden zu müssen. So bleibe er jederzeit mit dem Freund oder Gruppe von Bekannten im Kontakt - Wo auf diese Weise psychologische Bedürfnisse nach Autonomie und Verbundenheit sofort befriedigt werden. Dazu bekomme er noch meistens eine schnelle Antwort und erfahre Selbstwirksamkeit, was seine SELBSTWERT-Entwicklung stärkt. Via Internet bekommt er außerdem einen schnellen Zugriff auf Informationen zu allen Themen, die interessant sind. So werde zusätzlich das Bedürfnis nach Orientierung erfüllt und dem grenzenlosen Erkunden stehe nichts mehr im Weg. Durch die medialen Kontakte kann in diesem Sinne für einen Heranwachsenden/eine Heranwachsende auf der sozial-emotionalen Ebene durchaus Wichtiges passieren. Das größte Interesse der Adoleszenten bestehe darin, ihre gesellschaftlichen Rollen zu definieren und ihre Identität zu stärken, was in Beziehungen zu anderen geschehe. Fatal an der Handynutzung sei, so die Studienlage, dass junge Menschen im virtuellen, fehlenden Augen-Kontakt ihre Sensibilität für Gefühle anderer verlieren können und gerade für Ihr größtes Interesse in der Entwicklungsphase - der Gesellschaft anzugehören – eine so wichtige Kompetenz zur Perspektivenüberahme und Empathie nicht gut in sich verstärken. Denn virtuell fallen Hemmungen weg, man könne sich viel stärker, schöner, selbst sicherer präsentieren und was wir aus wirklich grausamen Beispielen von Mobbing erfahren, anderen rücksichtslos Schmerzen zufügen. Ein durch achtsame Reflexion mit den Jugendlichen und durch klare Regeln bestimmter Umgang mit Medien sei hierbei besonders zu fördern.  

Im Hinblick auf schulische Leistungen kann laut Studien die sich erweiternde Gedächtnisfähigkeit bei Jugendlichen zu Schwierigkeiten führen, sich Aufgaben in ihrer Reihenfolge zu merken und mehrere Vorgänge nacheinander zu bearbeiten. Die jungen Menschen tendieren eher dazu, sich auf die erste gegebene Information zu konzentrieren und bleiben oft in einem Denkmuster oder in der ersten Aufgabe stecken. Bemerkenswert sei die Studie von Jay Giedd, die zeigte, dass gerade die Jugendlichen mit einem höheren IQ mehr Zeit brauchten, bis sich ihre Frontalhirnfunktionen vollständig entwickeln – nicht nur mit der Übung, sondern auch mit der Zeit der Reife. Implikativ müsste die Chance des Bildungssystems für Adoleszente darin bestehen, den jungen Menschen mehr Jahre und Explorationsmöglichkeiten zu geben, das logische Denken in Zusammenhängen zu entwickeln. Bei vielen Schülerinnen und Schülern kann es mit 12 – 13 Jahren zu Leistungsbrüchen kommen, die keinesfalls als Mangel an Motivation gedeutet werden sollen, sondern als Ausdruck eines Entwicklungsprozesses – einer Reifung zum Erwachsenen. Reifung, die vor allem Vertrauen und Verständnis der Umgebung benötigt, konstruktives Feedback, eine respektvolle Zuwendung und Begeisterung braucht, um gleichzeitig zu dem Leistungsbruch eine HALTUNG eines starken, achtsamen, selbstverantwortlichen „Ja, du kannst es selbst tun“ zu intensivieren. Laut Studien, so Williams, beruhe beispielsweise die oft subjektiv empfundene Unfähigkeit im Fach Mathematik zu größten Teil auf der Einstellung (Mindset) der Betroffenen "Ich schaffe es eh nicht." Der Teufelskreis aus „Ich bin nicht gut darin, also lohnt es sich nichts dafür zu tun“ ist geradezu vorprogrammiert.

Auch die Stressforschung bescheinige den Schwerpunkt der inneren Einstellung: Es sei demnach nicht die jeweilige Situation, die Druck macht, sondern die Einstellung der betroffenen Person zu dieser Situation. Weitere Einflussfaktoren seien - die Stimmung gemäß der Bedürfnisbefriedigung, die jeweilige Situation und Persönlichkeit. Aus der Glücksforschung wissen wir: Glücklich mache die Entwicklung entlang des eigenen Potenzials. Auf Schule und Familie bezogen bedeute dies, die Anforderungen müssten zu den Fähigkeiten der Jugendlichen passen und zu lohnenden Herausforderungen werden.

Welchen Einfluss haben nun Eltern und Lehrkräfte auf diese spannende Entwicklungsphase? Nach Williams bestünde der wesentliche oder gar einzige Einfluss in der konstruktiven Kommunikation mit Jugendlichen und in der Präsenz wie Beharrlichkeit der Erwachsenen. Die Belange, Bedürfnisse und Gefühle der jungen Menschen wahrzunehmen, sie anzusprechen und einen gemeinsamen Umgang damit zu suchen – ohne Anspruch, dass dies angenommen wird. Der starke Drang nach Autonomie bei Jugendlichen soll ihnen helfen, sich von den familiären Abhängigkeiten zu lösen und eigenständig zu werden. Williams konkretisiert: "Hilf deinem Kind, deinen adoleszenten Schülerinnen und Schülern sich selbst und dich zu verstehen. Schildere, was du wahrnimmst und begründe, warum du dir Sorgen oder Gedanken machst, benenne deine Gefühle und deine Mittteilungsmotive. Und gib den jungen Menschen, mehrere Optionen Entscheidungen auf verschiedenen Wegen, eigenständig und in ihrem Tempo zu treffen. Und sei präsent im Leben deiner Kinder.“ Das Magazine of Adoleszent Health hat in diesem Jahr ein interessantes Forschungsergebnis veröffentlicht: Wenn Jugendliche am Abend mit der Familie Zeit verbracht haben anstatt Medien zu nutzen, schliefen sie tiefer und besser. Und Schlaf ist in der Adoleszenz – der Zeit des Umbaus - wahrlich eine besondere Ressource und Not.  

Ginge es nach Williams, müsse die Schule einen hohen Wert auf Stärkung des Selbstwertgefühls und der individuellen SELBSTVERANTWORTUNG bei Jugendlichen legen. Lehrkräfte und Eltern müssten die Jugendlichen begeistern und es ihnen ermöglichen, entlang der Natur verschiedener Domänen und Natur der Dinge mit SINNERKENNTNIS zu lernen.  

Williams fasste ihre Kernbotschaft zusammen: "Laut Studien zu Adoleszenz ist VERTRAUEN der zentrale Erfolgsfaktor für den Weg zu Leistungen – Vertrauen in Möglichkeiten jedes einzelnen jungen Menschen und Vertrauen, dass er seinen Weg findet. Adoleszente lösen sich von ihren Ursprungsfamilien und machen „ihr Ding“ nicht gegen die Erwachsenen, sondern für sich. Ab zwölf Jahren können wir als starke Lernbegleiterinnen und Lernbegleiter achtsam, präsent und in einer GUTER BEZIEHUNG zu unseren jungen Menschen – den Erziehungsdruck loslassen und neugierig sein, wer sie täglich sind und in welche Richtung sich noch entwickeln werden. Doch diese neugierige, offene Haltung erfordert vor allem Arbeit an sich als Erwachsener und bleibt eine individuelle Herausforderung besonderer Art.“

 

Beata Williams

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